Persönliche Begegnungen gingen meinem ersten Besuch voran. Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen, wo frische
Eindrücke festgelegt sind. "Das volle Bild ist eine große Überraschung. Ein Atelierflügel mit seriöser Ausdehnung
versteckt sich hinter der mit schönem Putz verzierten Fassade des treu erneuten Hauses. Bürgerliche Bequemlichkeit.
Von außen sieht man zwischen den rustikalen dickleibigen Säulen die Reihe der Bogenfenster. In einem ist ein
geschnittenes Relief, ein Werk eines Künstlerkollegen aus Sárvár. Im Garten stehen Apfel- und Nußbäume, winziger
Teich, Wasserpflanzen und mit Farben bemalte Holzschnitzereien.
Im Atelierhaus empfängt mich die Künstlerin, die wie sie sagt nach Budapest, München, New York, Berlin hier in
dem Dorf an der Raab ein Obdach fand. Denn dieser " Auszug" ist eine Flucht aus dem bedrückenden Getriebe der
Metropolen. Ich bat sie, mich mit einigen Angaben auszuhelfen, damit ich sie in meinem Zeit- und Rundbild
einräumen kann.
Sie ist 1925 in Budapest geboren. Nach dem Abitur, 1945-1948 absolvierte sie als Schülerin von János Kmetty, István
Boldizsár, Jenô Barcsay die Hochschule für Bildende Künste. 1957 verließ sie Ungarn. In München erfolgten neue
akademische Jahre mit Ford-Stipendium. Ihr Diplom erwarb sie 1960 in Malerei und graphischen Künsten. In New York
beschäftigte sie sich mit Textilentwurf. Nach München zurückgekehrt verdiente sie die Lebenshaltungskosten mit
Illustration und mit dem Entwerfen von Kalendern und Glückwunschkarten. Eine ganze Reihe von die Landschaften
der ganzen Erdkugel darstellende Reiseführer füllte sie mit winzigen fein ausgearbeiteten Federzeichnungen für
den Verlag Polyglott. (Zu Hause sehe ich mir nach: die Bände über München und Venedig sind auf meinem Regal.
Die Entdeckung bereitet mir Freude.) Die als drängende Seile um sie schlingende Verträge die man mit verkäuflichen
"Ware" erfüllen muß, sonst weist man einem mit entsprechender Höflichkeit die Tür versicherten die Unabhängigkeit,
die die Verwirklichung der freien malerischen Wünsche ermöglichte.
Ich breche die Aufzeichnung ab, denn es müssen hier einige Daten angegeben werden, z.B.. ihre Preise als
Anerkennung ihrer Leistung: in London gewann sie zwei, sofort die ersten 1958 und 1959 an der Preisausschreibung
für Weihnachtskarten. Das war eine gute Referenz für seinen Verlag mit großer Tradition.
Ihre Auftraggeber vertreiben diese Werke in Deutschland, Frankreich, England und in den Vereinigten Staaten.
1960 gewann sie den ersten Preis bei der Plakat-Preisausschriebung für den eucharistischen Weltkongreß in München.
Sie machte Bücherillustrationen in einer imponierenden Menge. Beinahe fünftausend Zeichnungen von ihr erschienen
in verschiedenen Bänden, unter andren arbeitete sie auch für die Zeitschrift Motor im Bild. Ab 1957 stellt sie
ihre Werke in den Galerien der westlichen Welt aus. Denn Vera Solymosi-Thurzó bekennt sich zur Malerei.
Ihre besten Kunstwerke sind auch in der virtuellen Galerie des Internet aufzufinden.
Ich setze meine Aufzeichnungen fort: "Nach all diesen setzte ich mich vor ihre Bilder." (Inzwischen warf
ich schon einen Blick auf ein schmales Bild, das aus ihrer New Yorker Periode stammt. In einem Viereck eines
Fensters sind zum Himmel emporragende Wolkenkratzer zu sehen. Kalte, gläserne Bläue! Auf dem Fenstersims bebbert
in einem Blumentopf ein einsamer Kugelkaktus. Eine sprechende Zeichnung der Seele!) Ich bekam einen Kopfhörer.
Bei jedem Bild wurde ich von anderer Musik in die Geheimnisse eingeweiht. Denn Frau Vera zaubert ihre aus der
Natur stammenden Erlebnisse mit dem Dazwischenschalten der dort beobachteten Formen durch Stimmen, donnerndes
Schallen der Kesselpauken, milde Triller der Geigen, Trompetenschall, Orgelklang, Läufe des Klaviers zu Bilder,
zu künstlerischen Visionen. Die Wirkung ist hinreißend! "Die vier Jahreszeiten" in vier Sätzen von Vivaldi
werden in vielfarbigen ungarischen Landschaften mit ungarischen Gestalten lebendig! Ich fühlte besonders die
bildliche Variante der "Toccata" aus der Orgelsonate von J. S. Bach als vollkommen".
In der Musikgeschichte sind mehrere Musikstücke registriert, die anhand der Wirkung von Kunststücken entstanden
sind. In den Konzerten erklingt sehr oft eines der bekanntesten Werke, "Die Bilder einer Ausstellung", das
symphonische Gedicht von Mussorgski. der Prozeß wird von Vera Solymosi-Thurzó herumgedreht: sie malt unter der
Wirkung der Musik. Es wird natürlich von anderen auch ausgeübt. Aber ihre Arbeiten haben eine andere Natur,
ihre Absichten sind auch anders. Die anklingende Musik ist nicht nur ein Element der Stimmungsmacherei im
Schöpfungsprozeß. Das mit Hilfe der Töne, Rhythmen lebendig werdende Thema z.B. "Die Sonnenhymne von Franz
von Assisi" von Orff wird etwa in die Sprache der bildlichen Struktur, der Farben, der Abtönung, der Linien
übersetzt.
Die abstrakten musikalischen Gedanken werden sichtbar gemacht. Natürlich schafft sie ein neues selbständiges
Werk, ein neues Gemälde. Diese Bilder leben selbstständig weiter, und tragen in sich Botschaft für die Augen,
für die Seele. Die Musik und das Bild zusammen sind wirklich imstande, das vielseitige Erlebnis zu verlebendigen.
Denken wir nur darüber nach: anhand eines einzigen Beispieles gewinnen wir ein besonders dickes Konzentrat der
aufgeschaukelten Gefühle. Die Erlebnisse und die Gemütsbewegungen des Komponisten, des Darstellers, der Kapelle,
der Chores, des Dirigenten und der die Farben stimmende, ausdrückende Pinselstriche einrichtende, die Formen in
Bewegung setzende Malerin weihen uns zusammen mit den vielseitigen Gedanken aller Mitwirkenden in einem einzigen
Augenblick zum Teilnehmer des Mysteriums der Schöpfung.
Schauen wir uns einige Bilder an!
Der Schauplatz der Andacht und des Wunders von Sankt Anton ist der Kreuzungspunkt der Erde, des Himmels und
des Meeres. Die Gestalt des Klosterbruders wird durch die glühende Sonnenscheibe hervorgehoben, wie er eben
mit voller Hingabe über die Größe des Schöpfers den aus den Wellen des Meeres rhythmisch herausspringenden
Fischen predigt. Den Läufen der Musik entsprechende bildliche Darstellung kann aus der Bewegung der Wasserfläche
ausgelesen werden. "Der Totentanz" ist in der Stimmung der Musik von Saint-Saens geboren. Wir würden es für
eine ahndevolle Landschaftsbild halten, aber die kalt-nebligen, durch Wolkenfetzen beleuchteten Gestalten sind
lieber ihren letzen Tanz aufführenden Seelen, als wiegende Bäume. Passen wir nur auf! Sie schlingern, ballen
sich, sie drängen sich nach dem Licht im Weiten. Wir fühlen Kälteschauer, und die Annäherung von sinistren
Zeichen, die Unvermeidlich des Verganges. Der "Feuertanz" stellt einen Vulkanausbruch dar. In der Mitte
windet sich, strömt aus dem Krater der glühende Stoff aus, und im Hintergrund springen weiß-gelbe Feuerflammen
in den Himmel empor. Die Purpurröte des Feuers herrscht über der öden Landschaft, sogar die Chancen des Lebens
einäschernd. Aber in der Musik von Falla kommt das spanische Temperament zum Ausdruck, auf dem Gemälde von
Vera Solymosi-Thurzó toben die Kräfte des Weltalls. Das Erlebnis der Pinien in Rom erlebte sie in der ewigen
Stadt bei einem Sonnenuntergang. Es zu malen, nahm sie die stimmungsgemäße Auffüllung aus der Musik von
Respighi. Manchmal gibt ihr natürlich ausreichende Motive eine besondere Landschaft, ein gelbes Weizenfeld
auf dem Hügel, ein Felsenriß in den Alpen, eine zum Himmel steigende Pappe, damit ein Gemälde entsteht.
Sie malt gerne dekorative Blumenstilleben, alles, worin sie das Schöne, den Gedanken oder das zum Bild
verformbare Symbol findet.
Die Erklärung lesen wir von der Malerin selbst:
"Ich mußte malen, denn ich fühlte so, daß ich über der Welt zu sagen habe. Meine mit der Musik verwandten
Gemälden aber nicht abstrakte, sondern vielmehr in der Wirklichkeit wurzelnde Bilder versichern mir das
seelische Gleichgewicht. Ich hoffe, daß meine persönlichen Charakter aufweisenden, aber klar festgestellte
symbolische Ordnung zeigenden Bilder verhindern nicht, daß sie auch in anderen ähnliche Gefühle wecken."